EZB-Ausblick: Das ist am Donnerstag zu erwarten

Zinsentscheide überall: Die US Federal Reserve macht am Mittwoch den Aufschlag, am Donnerstag folgen die Europäische Zentralbank, die Schweizerische Nationalbank, Bank of England sowie die skandinavischen Banken. In Frankfurt dürften sich die Blicke darauf richten, wann und nicht ob die Leitzinsen fallen. 

Facebook Twitter LinkedIn

EZBDie Europäische Zentralbank (EZB) wird die Leitzinsen am Donnerstag mit ziemlicher Sicherheit unverändert lassen. Der Blick dürfte sich vor allem auf Hinweise richten, wann in der ersten Jahreshälfte 2024 der EZB-Rat eine lockerere Haltung einnehmen könnte (und nicht, ob).

Die Swap-Märkte preisen bereits eine erste Senkung um 25 Basispunkte im März ein, und der Euro ist angesichts dieser Erwartungen gegenüber dem US-Dollar unter Druck geraten - ebenso wie die Renditen europäischer Anleihen.

Die Bank selbst untermauert die Wahrnehmung, dass es zu keinen weiteren Erhöhungen kommt, bleibt aber bisher wage beim Ausblick. So erklärte Ratsmitglied Francois Villeroy de Galhau kürzlich in einem Interview mit der französischen Zeitung La Depeche du Midi, dass die Bank mit Zinserhöhungen durch sei und Senkungen "irgendwann im Jahr 2024" in Betracht ziehen werde, sofern es keine "großen Überraschungen" gebe.

"Wir gehen davon aus, dass die EZB keine Hinweise auf den Zeitpunkt der ersten Leitzinssenkung in naher Zukunft geben wird, während sie ihre Forderung nach einem datenabhängigen Ansatz wiederholen wird. Damit bleibt eine Zinssenkung im 2. Quartal das wahrscheinlichste Szenario für die nächste Leitzinsänderung", so die Dankse Bank in einer EZB-Vorschau vom 8. Dezember.

 

 

In einer Reuters-Umfrage unter 90 Ökonomen gab die Mehrheit an, dass sie mit Zinssenkungen vor der EZB-Sitzung im Juli rechnet. In einer früheren Umfrage im November war noch die Mehrheit von 55 % der Meinung, dass die Zinssätze mindestens bis Mitte 2024 unverändert bleiben werden.

Doch viel hat sich seitdem getan. "Die Inflation in Europa war zuletzt höher als in den USA, aber mit einem Rückgang der Inflationsrate auf 2,4 % im November sind wir nicht mehr weit von dem von der EZB angestrebten Niveau entfernt. Die ganze Zeit haben die Zentralbanken davor gewarnt, dass die Senkung der Inflation der Hauptgrund dafür ist, die Zinsen hoch zu halten. Da die Zinssätze nun aber nahe am Zielniveau liegen, gibt es weniger Grund, die höchsten Zinssätze der letzten 15 Jahre beizubehalten", sagt Michael Field, European Market Strategist bei Morningstar. Die Zinsen wurden durch die volatilen Energiepreise gedrückt, die im Jahresvergleich deutlich zurückgingen.

 

 

EZB-Direktoriumsmitglied Isabel Schnabel bezeichnete die jüngsten Inflationswerte als "angenehme Überraschung" und "ermutigend", warnte aber auch, dass es noch zu früh sei, den Sieg über die Inflation auszurufen. "Wir erwarten weiterhin einen Anstieg in den kommenden Monaten. Einige fiskalische Maßnahmen und Basiseffekte werden sich umkehren, und wir können nicht ausschließen, dass es einen neuen Preisanstieg bei Energie oder Lebensmitteln geben wird", sagte sie in einem Interview mit Reuters.

Michael Field von Morningstar fügt hinzu: "Es besteht immer noch das Risiko, dass die Inflation wieder ansteigt. Die Energiepreise könnten über den Winter in die Höhe schnellen, und die Arbeitsmärkte bleiben auf breiter Front angespannt, was das Potenzial für weitere Lohnerhöhungen im nächsten Jahr erhöht, was die Inflation anheizen könnte. Die Zentralbanken sind sich dieses Risikos sehr bewusst, insbesondere in den USA, wo die Wirtschaft immer noch auf Hochtouren läuft.

 

 

Wirtschaft in der Eurozone schrumpft

Die Wirtschaft der Eurozone schrumpfte im dritten Quartal. Das BIP ging um 0,1 % zurück, und es sieht so aus, als würde es in den letzten drei Monaten des Jahres 2023 in die gleiche Richtung gehen und die Eurozone in eine Rezession fallen. Laut Quentin Fitzsimmons, Portfoliomanager bei T Rowe Price, steht die EZB unter den großen Zentralbanken am meisten in Gefahr, ihre Geldpolitik zu stark gestrafft zu haben, möglicherweise sogar in erheblichem Ausmaß.

Deutschland als größte europäische Volkswirtschaft befindet sich bereits wieder in einer technischen Rezession. Das reale BIP schrumpfte im dritten Quartal 2023 um 0,1 %, da sich die Verbrauchernachfrage abschwächte und die Auslandsnachfrage von Deutschlands wichtigsten Handelspartnern zurückging.

Die fiskalische Straffung infolge des Urteils des Verfassungsgerichts wird wahrscheinlich die Binnennachfrage belasten. Noch streiten die Koalitionspartner um den Haushalt 2024. Doch das Urteil reißt ein tiefes Loch in die Haushaltsplanung für 2024 und dürfte heftige Auswirkungen auf die Haushaltsausgaben des Landes - und das BIP-Wachstum - haben. Deutsche Bank Research hat die Wachstumsprognose für das nächste Jahr aufgrund des Gerichtsurteils um etwa ein halbes Prozent auf nun -0,2 % gesenkt.

 

"Datenabhängiger Ansatz"

Schnabel räumte in dem Interview mit Reuters auch ein, dass "einige der harten Daten, die wir sehen, nicht sehr gut sind", und wiederholte die Worte von EZB-Präsidentin Christine Lagarde, dass die Bank einen "datenabhängigen Ansatz" verfolgen werde.

Laut Morgan Stanley dürfte sowohl die "Hold"-Sprache als auch der Fokus auf Datenabhängigkeit beibehalten werden. Gleichzeitig dürfte sich die Botschaft dahingehend verändern, dass die Zinssätze ihren Höchststand erreicht haben. "Wir erwarten die erste Zinssenkung im Juni 2024, vorausgesetzt, die Lohndaten zeigen eine gewisse Mäßigung", betont die Bank. 

 

Schweiz: Starker Franken ist Hauptsorge

Auch in der Schweiz werden die Zentralbanker am Donnerstag tagen. Die Inflationszahlen gingen schneller zurück als erwartet. "Dies sollte der Schweizerischen Nationalbank Spielraum geben, um zu signalisieren, dass sich der Schwerpunkt von der potenziellen importierten Inflation auf die negativen Auswirkungen eines zu starken Schweizer Frankens verlagern kann", so die UBS in einer Notiz vom 7. Dezember.

In ihrer Pressekonferenz werde die SNB wahrscheinlich "eine Mäßigung der Inflationsaussichten zeigen und vielleicht sogar die jüngsten Bemühungen um den Verkauf von Währungsreserven kommentieren, die den CHF gestärkt haben", so UBS. Die Ökonomen gehen daher davon aus, dass der EUR/CHF-Kurs seinen Tiefpunkt auf dem derzeitigen Niveau erreicht.

 

BoE: Auch in London wohl keine Zinsänderung

Das Treffen der britischen Notenbänker, ebenfalls Donnerstag, dürfte vergleichsweise ereignisarm verlaufen, berichtet mein Kollege James Gard aus London. Zum einen wird der Entscheidung kein geldpolitischer Bericht (MPR) beigefügt, und der Marktkonsens sieht keine Änderung der Zinssätze vor. Dies wäre die dritte Sitzung in Folge, in der die Bank die Zinssätze beibehält. 

Die Bank stand in der Kritik, zu langsam auf die steigende Inflation im Jahr 2022 reagiert zu haben. Daher wird sie es wahrscheinlich nicht eilig haben, den Sieg über die Inflation auszurufen. 

Inzwischen gehen einige Investmentbanken in ihren Prognosen für 2024 sogar davon aus, dass die BoE die Zinsen erst dann senken wird, wenn eine Rezession eintritt. Das ist eine ernüchternde Botschaft für Hypothekenschuldner: Ja, die Zinsen werden sinken, aber nur, wenn die Wirtschaft wirklich in Schwierigkeiten ist, so Gard. 

Bleiben Sie auf dem Laufenden

Melden Sie sich hier für unsere Newsletter an

Facebook Twitter LinkedIn

Über den Autor

Antje Schiffler  ist Redakteurin bei Morningstar in Frankfurt.