Die Kapriolen beim Ölpreis: Was passiert nach dem Angebots- und Nachfrageschock?

Das Scheitern der Verhandlungen der sogenannten „OPEC+“-Gruppe über Produktionskürzungen hat die Ölpreise ins Trudeln gebracht. Was das für Ölproduzenten und den Ölpreis perspektivisch bedeutet.

09.03.2020
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Im frühen Handel am Montag, 9. März, fiel die Sorte WTI in die 20-Dollar-Region pro Barrel, und auch nach der Intraday-Erholung liegt der Preis im niedrigen 30-Dollar-Bereich. Das ist der größte Tagesverlust seit fast 20 Jahren, der im Wesentlichen alle Gewinne seit dem Tiefststand von 2016 zunichte gemacht hat. 

In der vergangenen Woche waren die meisten Marktteilnehmer der Meinung, dass OPEC-Kartell und seine Partner, einschließlich Russland, die Ölpreise weiterhin stützen würden, was angesichts der sich verschlechternden Aussichten für das Nachfragewachstum logisch erschien. Schließlich sind die Folgen des weltweiten Coronavirus-Ausbruchs auf die Wirtschaft unklar. Investoren rechneten zumindest damit, dass die OPEC+ einer Verlängerung der derzeitigen tieferen Förderniveaus durch das gesamte Jahr 2020 zustimmen würde, anstatt sie Ende März auslaufen zu lassen. Am 5. März einigte man sich im OPEC-Kreis, die zurückgehaltenen Mengen von 500 Tausend Barrel pro Tag auf 1,5 Millionen Barrel pro Tag zu erhöhen. 

Allerdings war der Vorschlag ohne die Zusammenarbeit der OPEC-Partner nicht bindend, und am 6. März schloss Russland aus, sich an weiteren Kürzungen zu beteiligen. Dadurch werden die Kartellmitglieder theoretisch von den Produktionshöchstgrenzen befreit, so dass sie ihre Produktion auf die Kapazität hochfahren und das derzeitige Ungleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage noch verschärfen können. Die Situation wurde weiter verschärft, als Saudi-Arabien begann, Rohöl mit hohen Preisnachlässen zu verkaufen, was faktisch einen Preiskrieg auslöste. Chaos brach auf den Ölmärkten aus, dessen Zeugen wir heute sind. 

Angebotsschock trifft auf Nachfrageschock 

Der daraus resultierende Angebotsschock fällt im Wesentlichen mit einem Nachfrageschock im Zusammenhang mit dem Coronavirus zusammen, was zu besonders starken Preisrückgängen führt. Wir würden eine weitere Abschwächung des Ölpreises auch nach dem 9. März nicht ausschließen. Die kurzfristigen Aussichten für Energieunternehmen sind also düster, und es ist wahrscheinlich, dass viele unserer Fair Value Schätzungen infolgedessen nach unten korrigiert werden müssen. 

Diese Probleme wirken sich jedoch nur auf den Cashflow in den nächsten ein bis zwei Jahren aus. Russland und der OPEC fehlt die Kapazität, die US-Schieferproduzenten im globalen Versorgungsstapel zu verdrängen, was bedeutet, dass die Grenzkosten für die Versorgung immer noch 55 Dollar pro Barrel WTI betragen. 

In unserer letzten Markteinschätzung am 26. Februar haben wir argumentiert, dass der Markt zwar nicht die vollen Auswirkungen des Coronavirus-Ausbruchs berücksichtigt, der Nachfragerückgang im Jahr 2020 jedoch durch ein schwächer als erwartetes Schieferwachstum sowie durch längere Kürzungen der OPEC ausgeglichen werden würde. Aber die Situation hat sich seither eindeutig in eine andere Richtung entwickelt. 

Die OPEC-Produzenten können nun ihre volle Kapazität freisetzen - es gibt keinen Anreiz für einzelne Produzenten, die früheren Höchstgrenzen einzuhalten. Das bedeutet jedoch nicht unbedingt, dass es zu einem Versorgungsansturm kommt. Für einige Kartellmitglieder waren die jüngsten Produktionsrückgänge unfreiwillig, und es gab ohnehin keine Obergrenzen. So haben beispielsweise die US-Sanktionen die iranischen Exporte behindert, Venezuela leidet unter chronischem Missmanagement seiner Ölindustrie inmitten der wirtschaftlichen Turbulenzen, und Libyen hat keine Zentralregierung, und die kriegführenden Bürgerkriegsfraktionen dürfen weiter um die Kontrolle der libyschen Produktion kämpfen. 

Ebenso haben einige Produzenten nicht genug in die Aufrechterhaltung der Produktion investiert oder haben mit schwindenden Reserven zu kämpfen. Aber es gibt auch solche, wie Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE), die Überkapazitäten aufrechterhalten und wahrscheinlich noch in diesem Jahr die Produktion steigern werden. Diese Produzenten haben diese Kapazität durch eine vorübergehende Erhöhung der Mengen in der zweiten Hälfte des Jahres 2018 unter Beweis gestellt. Das zeigt, dass sie die Produktion tatsächlich steigern können, wenn der Wille dazu besteht. Alles in allem erwarten wir nun bis zum Jahresende eine Zunahme des Angebots der OPEC um eine Million Barrel pro Tag. 

Von der Flut zur Knappheit? 

Ebenso wenig dürfte Russland einen weiteren signifikanten Produktionsschub liefern. Es hat sich höchstwahrscheinlich letzte Woche geweigert, weitere Kürzungen vorzunehmen, um zu vermeiden, dass es indirekt die US-Schieferproduzenten stützt, während es selbst Mengen opfert. (Das mag eine Vergeltung für die US-Sanktionen sein, welche die Fertigstellung von Nord Stream 2 blockieren). Wir erwarten, dass Russland seine Förderungskürzungen, die sie anlässlich des Beitritts zur OPEC+ Ende 2016 vorgenommen hat, in relativ kurzer Zeit wiederherstellen wird. Allerdings ist das weitere Wachstumspotenzial wahrscheinlich begrenzt. Wenn Russland den US-Schieferproduzenten das Wasser systematisch mit hohen Fördermengen abgraben könnte, hätte es dies wahrscheinlich bereits getan, anstatt eine Partnerschaft mit der OPEC einzugehen. Insgesamt erwarten wir, dass bis Ende des Jahres zusätzliche 1,5 Millionen Barrel pro Tag an Lieferungen von der OPEC und Russland auf den Markt kommen werden. Das ist bedeutend, aber nicht existenzbedrohend für die US-Schieferindustrie. 

Außerdem wird der kurzfristige Einbruch der Ölpreise, den wir jetzt erleben, das US-Wachstum in diesem Jahr untergraben und einen Überschuss der OPEC+ ausgleichen. Wir erwarten nun für 2020 ein Wachstum von weniger als eine Million Barrel pro Tag aus den USA, was die Hälfte des Wachstums des Vorjahres ausmacht. Das unterscheidet sich nicht wesentlich von unserer vorherigen Prognose, denn es gibt lange Zeiträume zwischen den Veränderungen des Rohölpreises, der Anzahl der Bohrinseln und des Produktionsniveaus. Allerdings erwarten wir jetzt nur noch ein Wachstum von 500 Barrel pro Tag aus den USA im Jahr 2021. 

Selbst wenn also das Coronavirus die Nachfrage nach Öl in diesem Jahr flach hält, anstatt auf wie bisher erwartet um 1,2 bis 1,3 Millionen Barrel pro Tag zu wachsen, sehen wir nach 2021 keine Überflutung des Marktes mit billigem Öl. Das Nachfragewachstum neigt zu einer hohen Preiselastizität, so dass das Wachstum im nächsten Jahr den jüngsten Trend übertreffen könnte. Es ist also nicht unvernünftig, von einem kumulativen Wachstum von 1,5 Millionen Barrel pro Tag in den nächsten zwei Jahren auszugehen, auch wenn das Wachstum im Jahr 2020 schwach ist. Das wiederum würde das ausgleichen, was wir von OPEC+ erwartet hatten. Damit bleibt immer noch ein kleiner Überschuss für das US-Wachstum. 

Über das Jahr 2021 hinaus würden wir immer noch ein robustes Nachfragewachstum erwarten, da Störfaktoren für die Ölnachfrage, wie etwa Elektrofahrzeuge, viel länger brauchen werden, um den globalen Rohölverbrauch signifikant zu reduzieren. US-Schieferölproduzenten wären die billigste Quelle für eine zusätzliche Versorgung, und deren Grenzkosten für WTI liegen bei 55 Dollar pro Barrel. Die Preise müssten sich daher erholen, um einen Anreiz für diese Expansion zu schaffen, sonst wird das Überangebot in eine schmerzhafte Knappheit umschlagen. 

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