„Tech“-Index NASDAQ 100 oder die Geschichte eines Missverständnisses

Der NASDAQ 100 gilt als Synonym für Technologie-Aktien. Der Index spiegelt einerseits den Erfolg von Growth- und andererseits den von Tech-Investments wider. Wer diesen Thesen folgt, könnte auf dem Holzweg sein. Warum Investoren, die auf NASDAQ-ETFs setzen, dringend ihre Investment-These überprüfen sollten.  

Ali Masarwah 20.04.2018

Auch wenn die prominenten US-Technologie-Aktien wie Facebook, Apple, Amazon, Netflix und Google – man spricht auch von den „FAANG“s – in diesem Jahr korrigiert haben, gelten sie unverändert als zukunftsträchtige Investments. Die Tatsache, dass diese Unternehmen nicht nur heute Erfolg haben, sondern auch die Träger der Entwicklung von Zukunftstechnologien (Stichwort: KI) sind, spricht dafür, dass "FAANG"s die Phantasie der Anleger auch künftig wecken werden. Der NASDAQ 100 Index gilt als Hort dieser Highflyer. 

Das spiegelt sich in der Performance wider. Während der marktbreite US-Aktienindex S&P 500 (der übrigens auch nicht arm an Technologiewerten ist, aber dazu gleich mehr) seit Ende März 2009 um 265 Prozent zulegte, stieg der NASDAQ 100 um 490 Prozent. Das hat viele Investorengelder angezogen: In den vergangenen drei Jahren gingen ETFs, die den Index abbilden, netto gut 5,5 Milliarden US-Dollar zu. Weltweit hatten NASDAQ 100-Tracker per Ende März ein Vermögen von 74 Milliarden US-Dollar. 

60 Prozent Tech-Gewichtung: Zu viel und zugleich zu wenig

Wo liegt also das Problem? Nun, blickt man auf die Struktur des Index, dann machen Technologie-Aktien derzeit knapp 60 Prozent des Indexgewichts aus. Damit ist genau das Problem beschrieben, das Anleger beachten sollten. Einerseits machen Tech-Aktien nur 60 Prozent des Index aus. Andererseits machen Tech-Aktien viel zu hohe 60 Prozent aus. 

Ja, was denn nun, werden Sie nun fragen: Ist das hohe Tech-Gewicht ein Vorteil oder ein Nachteil? Wie oben formuliert: Es ist ein gleich doppelter Nachteil! Der NASDAQ 100 ist viel zu konzentriert für einen Standardwerte-Index und gleichzeitig nicht konzentriert genug für einen Sektorindex. Es gibt zwei Investmentthesen, die man mit dem Index verbindet: einmal ein Investment in US-Hochtechnologie-Aktien, zum anderen ein in US-Wachstumswerte. Der NASDAQ 100 ist eine denkbar schlechte Antwort auf beide Investmentthesen.

Kommen wir zuerst zum Thema Technologiewerte. Ja, Apple, Microsoft, Amazon, Facebook, Alphabet (die Google-Holding), Intel Cisco, Comcast und Netflix sind die Top-Werte mit einem Gewicht von knapp 50 Prozent. Es ist jedoch ein Missverständnis zu glauben, dass es sich beim NASDAQ 100 um einen Technologie-Index handelt. Er spielgelt vielmehr die Performance der 100 größten Aktien außerhalb des Finanzsektors wider, die an der gleichnamigen US-Börse gelistet sind. Von Technologiewerten ist zunächst also nicht die Rede. Weil Finanztitel in diesem Index nicht berücksichtigt werden, gewinnen vielmehr alle anderen Sektoren, die an diesem US-Markt vertretend sind, also auch Technologieaktien, an Gewicht. 

Die Auflösung des Akronyms "NASDAQ" verschafft Klarheit 

Vermutlich basiert der Analogieschluss „NASDAQ =Technologie“ auch auf einem Missverständnis. Nasdaq steht für National Association of Securities Dealers Automated Quotations (eigene Hervorhebung). Die 1971 gegründete Börse war die erste vollelektronische Handelsplattform weltweit, eine Computerbörse also -- aber eben keine Technologiebörse. (Gut möglich, dass dieses Missverständnis entstand, als man die Wörter „Computer“ und „Technologie“ synonym verwendete, also gegen Ende des vergangenen Jahrtausends.). 

Dass also Wachstumswerte wie Microsoft, Apple, Cisco, Oracle und Dell an der NASDAQ gelistet sind, liegt daran, dass die Unternehmenslenker von der seinerzeitigen technologischen Innovation des Börsenbetreibers NASDAQ angezogen wurden. Anders formuliert: Dass Technologiewerte heute den Index NASDAQ 100 dominieren, liegt in erster Linie an der Struktur des zugrundeliegenden Marktes und nur in zweiter Linie an der Konstruktionslogik des Index. Sollten künftig, sagen wir, die Hersteller von Holland-Fahrrärdern an die NASDAQ streben und das Holland-Fahrrad den SUV als Fortbewegungsmittel der Wahl in Innenstädten weltweit ablösen, dann könnte die Gruppe der Hollandfahrradherstellern Apple den Rang im NASDAQ-Auswahlindex ablaufen.

Anleger, die ein reinrassiges ETF-Investment in US-Tech-Aktien anstreben, sind mit ETFs auf den NASDAQ 100 also nicht gut bedient. Ihnen stehen andere Indizes bzw. ETFs zur Verfügung. Hier gelangen Sie zu einer Übersicht über Tech-ETFs, die ein viel konzentrierteres Exposure zu Apple, Amazon und Co. und andere Technologiefirmen haben möchten. 

Kommen wir nun zu den Anlegern, die ein Exposure zu US-Wachstumswerten suchen. Zunächst zur Beruhigung: Es gerierte keinem, der einen ETF auf den NASDAQ 100 gehalten hat, in den vergangenen Jahren zum Nachteil: Der typische NASDAQ 100 Tracker erwirtschaftete in den vergangenen drei Jahren jährlich (auf Euro-Basis) gut 10,5 Prozent pro Jahr; in den vergangenen fünf Jahren waren es pro Jahr sogar knapp 20,5 Prozent. Seit 2013 zählten NASDAQ-100-ETFs zu den fünf Prozent besten USA-Growth-Fonds auf dem europäischen Fondsmarkt. 

Tabelle: ETFs am Markt, die den NASDAQ 100 abbilden 

Ist angesichts dieser blendenden Performance die hohe Konzentration auf Technologiewerte nicht also ein Luxusproblem, ja eine vernachlässigenswerte Lappalie? Keinesfalls: Bevor sich die Leser nunmehr entnervt von diesem vermeintlich kleinkarierten Artikel abwenden, sollten sie sich vergegenwärtigen, dass man im Nachhinein immer schlauer ist. Heute sieht die Vergangenheits-Performance des NASDAQ blendend aus. Aber wie sah die Vergangenheits-Performance, sagen wir, im März 2003 aus? Wer Ende März 2000 von der blendenden Performance von US-Technologie-Aktien anzogen ein hypothetisches Investment in den NASDAQ 100 getätigt hätte, wäre drei Jahre später (auf Dollar-Basis) 76 Prozent seines Investments losgewesen. Zum Vergleich: Der S&P 500 verlor zwischen März 2000 und März 2003 „nur“ 40 Prozent. 

Auch heute gelten US-Technologiewerte als überbewertet. Wer also von der Performance des NASDAQ 100 angezogen wird, sollte überlegen, ob er wirklich die Vergangenheits-Performance kaufen will. 

Und was ist mit ETFs, die andere USA-Wachstums-Marktbarometer abbilden? Nun: hier herrscht leider Ebbe. Die Auswahl ist denkbar gering und steht in keinem Verhältnis zur Bedeutung dieses höchst gewichtigen US-Marktsegments. Während europaweit acht Indexprodukte den NASDAQ 100 abbilden, findet sich nur ein einziges passives Produkt, das einen reinen US-Growth-Index abbildet, was möglicherweise zeigt, dass ETF-Anbieter zu sehr an die Growth-Eigenschaften des NASDAQ 100 glauben, als das für Anleger gut ist. 

Bei Growth-Investments sind Alternativen zum NASDAQ 100 rar

Wie dem auch sei: Investoren, die ein alternatives Exposure zu großkapitalisierten USA-Wachstumswerten suchen, können auf den synthetisch replizierenden Lyxor ETF Russell 1000 Growth ETF zurückgreifen. Hier machen Technologiewerte zwar auch den größten Sektor aus, allerdings nur zu gut 37 Prozent statt der knapp 60 Prozent beim NASDAQ 100. Entsprechend sind auch andere Sektoren, vor allem die defensiven, etwa defensive Konsumgüter und Gesundheitsaktien, deutlich stärker vertreten. Der Russell-Tracker ist auch deutlich weniger kopflastig: Top-Titel Apple macht nur 6,5 Prozent des Indexgewichts aus statt knapp zwölf Prozent im NASDAQ 100; im Russell 1000 Growth finden sich unter den Top zehn Aktien ebenfalls Wachstumswerte wie Visa, Home Depot und Unitedhealth Group an prominenter Stelle. 

Mit totalen Kosten von nur 0,28 Prozent ist der Lyxor ETF auf den Russell 100 Growth auch ein Schnaps günstiger als die meisten NASDAQ 100 Tracker, die zumeist über 0,3 Prozent an Jahresgebühren aufweisen. 

Führen alle Wege zum S&P 500?

Investoren, die ein Exposure zu US-Growth-Aktien suchen, haben bei aktiv verwalteten Produkten eine deutlich bessere Auswahl. Darauf gehen wir in der kommenden Woche ein. Vermutlich sind die allermeisten Investoren, die auf US Growth-Titel setzen wollen und dabei passive Ansätze bevorzugen, aber mit einem ETF auf den S&P 500 am besten bedient. Dieser gut diversifizierte Index weist im Vergleich zu europäischen Indizes vom Schlage des MSCI Europe, SMI oder DAX 30 einen signifikanten Growth-Bias auf. Und im S&P 500 ist der Technologiesektor mit einem Gewicht von 22 Prozent ebenfalls der wichtigste unter allen Branchen. (Zum Vergleich: der SMI enthält keine reinen Tech-Aktien, und im DAX sind es gerade einmal zehn Prozent, oder, genauer gesagt: die SAP-Aktie). 

Anleger sollten sich also überlegen, ob sie nicht besser gleich auf den S&P 500 setzen sollten, der einen breit diversifizierten Zugang zum amerikanischen Aktienmarkt und zugleich mehr Schutz vor einer Korrektur bei den inzwischen hoch bewerteten „FAANG“ bietet. Die untenstehende Tabelle enthält den einzigen USA-Growth-ETF sowie eine Auswahl an günstigen S&P 500 Trackern, die eine längere Historie aufweisen. Mit Kosten von bis maximal 15 Basispunkten sind diese Produkte zudem deutlich günstiger als die vermeintlichen NASDAQ-Highflyer. 

Tabelle: Ein Growth-ETF und etliche gute Alternativen

 

Über den Autor Ali Masarwah

Ali Masarwah  Ali Masarwah ist als Chefredakteur für die deutschsprachigen Seiten von Morningstar verantwortlich.