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Obacht vor den Crash Propheten!

Immer wieder machen vermeintliche Experten mit dramatischen Untergangs-Prophezeiungen von sich reden. Anleger sollten allerdings beachten, dass Crash-Propheten in erster Linie das eigene Geschäftsmodell im Blick haben. Einige Überlegungen zu Untergangspropheten und wie man sie erkennen kann.

Ali Masarwah 06.12.2019

Ende November wurde in einer Gesprächsrunde bei der Talkshow von Maybrit Illner die Frage heiß diskutiert: „Kommt der größte Crash aller Zeiten?“. Schon der Titel der Runde war bedenklich reißerisch, und die nachfolgende Sendung war auch nicht besser. Marc Friedrich, ein Finanz-Buchautor, prophezeite in der ZDF-Sendung: „der Crash“ werde spätestens 2023 kommen. Das werde die Folge der lockeren Notenbankenpolitik und der Unfähigkeit der Politik sein. Er riet zu Sachwerten. 

Dabei geriet Friedrich mit Marcel Fratzscher, Präsident des Forschungsinstituts DIW, aneinander, der seine Thesen als „Demagogie“ schmähte. Der DIW-Präsident hatte offenkundig keinen guten Tag, weshalb Friedrich, immerhin auch schon Jahrgang 1975, als engagierter, junger, dynamischer Mahner rüberkam, der gegen eine Mauer der Bräsigkeit anrannte im Bemühen, dem Publikum den Ernst der wirtschaftlichen Lage klarzumachen. 

Doch leider ist die Sache nicht so einfach. Friedrich, der bereits seit Jahren in seinen Büchern vor einem Crash warnt, betreibt eine Vermögensverwaltung und hat Anfang 2017 mit seinem Sozius einen Investmentfonds lanciert. Nun ist nichts anrüchig daran, Bücher zu schreiben und Fonds zu verwalten. Das Problem an der Sache ist, dass Marc Friedrich mit seinen Thesen so gezielt seine Geschäftsmodelle befeuert, dass man nicht umhinkommt, ihm einen handfesten Interessenkonflikt zu bescheinigen.

Mit Whisky, Gold und Bitcoin gegen die EZB! 

Das Kernproblem ist, dass der Buchautor-Fondsmanager mit maßlosen Übertreibungen und Alarmismus Anleger zu einseitigen Investments verleiten könnte. Zumal man wissen muss, dass er sehr klare Vorstellungen vertritt, wie man sich gegen den Mega-Crash wappnet: Unter Sachwerten versteht Friedrich beileibe nicht nur Aktien, sondern auch Gold, Whisky, Diamanten und den Bitcoin. Aua! 

Doch es geht hier nicht nur um Marc Friedrich, sondern um die vielen Crash-Propheten, die gebetsmühlenartig vor einer Kernschmelze im Finanzsystem warnen. Es mag seriöse Warner vor Krisen geben, und von denen soll hier nicht die Rede sein. Es geht um Crash-Propheten, die mit Serien-Alarmismus ihr eigenes Geschäftsmodell antreiben, also in erster Linie Handelsreisende in eigener Sache sind. Das stellt ihre Qualifikation als Retter der Anlegerschaft prinzipiell in Frage. 

Was macht sie so gefährlich für Anlegerrenditen? Nun, da die Warnungen der Untergangs-Propheten drastisch sind, müssen folglich auch ihre Rezepte von teufelsaustreibender Wirkung sein. Das führt zu einseitigen Empfehlungen, die Anleger-Portfolios schlimmstenfalls in die Schieflage bringen können. 

Das führt uns zur entscheidenden Frage, wie man einen Crash-Demagogen als solchen identifizieren kann. Es gibt typische Merkmale, von denen wir hier einige anreißen wollen:

 

  1. Ihre Argumente sind simpel und auf den ersten Blick logisch, führen aber zu fragwürdigen Schlussfolgerungen. Crash-Propheten starten ihren Rundumschlag oft mit Fakten. Und leiten aus diesen Fakten ihre abstrusen Thesen ab. Besonders oft steht die Geldpolitik der Europäischen Zentralbank am Anfang der Crash-Propheten-Legende. Dass die EZB den Zins auf null gesenkt hat, lässt sich nicht bestreiten. Ab jetzt können die Crash-Propheten ihr Oma-Blatt ausspielen, da wir Deutsche Zinsen fast über alles andere schätzen. Da wird „dem Italiener“ Mario Draghi vorgeworfen, „den deutschen Sparer“ zu enteignen und dafür die „Euro-Schuldenländer“ hochzupäppeln. Das ist natürlich Unfug. Wir Deutsche taugen wahrlich nicht als Opfer der EZB, auch wenn negative Zinsen für Sparer unangenehm sind. (Die Realzinsen waren übrigen schon häufiger in der Vergangenheit, zu Bundesbankzeiten, negativ!). Auf der Habenseite steht, dass wir Immobilien heute sehr günstig (re-)finanzieren können, dass wir von der Eurozone enorm profitieren, weil unsere Exportwirtschaft dank des unterbewerteten Euros boomt, dass die Beschäftigungslage in Deutschland hervorragend ist – alles das auch wegen der Geldpolitik der EZB. Um nur ein paar Punkte zu nennen. Merke: Bei Crash-Prophezeiungen stehen am Anfang einer abstrusen Argumentationskette oft unbestreitbare Fakten. Das macht sie für ein Laienpublikum schwer durchschaubar.

 

  1. Ihre Prophezeiungen sind Teil ihres Geschäftsmodells. Doomsday-Propheten sind unterwegs in eigener Mission. Doch während ihre Bücher und Fonds für sie ein gutes Geschäft sind, fahren ihre Kunden mitunter deutlich schlechter. Auch hier lässt sich eine gängige Masche an der Kritik an der EZB-Geldpolitik festmachen. Die Argumentationskette: „Die Geldpolitik verzerrt die Märkte, sie führt in die Schuldenkrise und ultimativ zur Mega-Inflation, weshalb nur Sachwerte helfen“. Nicht rein zufällig haben viele Crash-Propheten auch den „passenden“ Fonds zur Hand. Wohin ein Anti-EZB-Kurs führen kann, zeigt das Beispiel der Vermögensverwaltung Mack & Weise (M&W), die bereits seit geraumer Zeit eine dezidierte „Anti-EZB“-Strategie in ihren Fonds fährt. Anleger haben langfristig keine gute Erfahrung mit Anti-EZB-Strategien gemacht; auch Dank der erfolgreichen Euro-Rettung der Notenbanken haben die Kapitalmarktrenditen Anlegern immense Gewinne seit 2012 ermöglicht. Wehe dem, der sich gegen die US Fed und die EZB gestellt hat! Die Performance des Mischfonds M&W Privat, der vorwiegend auf Edelmetalle und Goldminen-Betreiber setzt, spiegelt ganz gut die schwerwiegenden Folgen einer Anti-EZB-Strategie wider. Für Anleger, wohlgemerkt; die Emittenten solcher Produkte verdienen mitunter üppige Gebühren. Merke: Wer sich die Frage „Cui bono?“, wem nützt es, stellt, entlarvt sehr schnell die scheinbar einfachen Lösungen der Doomsday-Propheten als potenzielle Boomerangs.

 

  1. In Fachkreisen vertreten Doomsday-Propheten eine Minderheiten-Meinung. Auch wenn DIW-Chef Marcel Fratzscher in besagter Talkrunde keine besonders gute Figur abgegeben hat, spiegelt seine abwertende Reaktion auf Marc Friedrich ganz gut die Konsens-Meinung unter Volkswirten wider. Crash-Propheten werden nicht ernst genommen. Zu Recht. Seriöse Wissenschaftler können für komplexe volkswirtschaftliche Probleme selten einfache Lösungen präsentieren. Eben weil sie komplex sind. Auch in der Asset Management Industrie haben Doomsday-Propheten selten einen guten Leumund. Die allermeisten Vermögensverwalter nehmen ihren Auftrag, die bestmögliche Rendite für Anleger zu erzielen, durchaus ernst, weshalb sie dem Prinzip der Diversifikation verpflichtet sind. Das verbietet „Top oder Flop“-Strategien. Merke: Es sollte Sie bedenklich stimmen, wenn jemand zunächst ein Monster-Problemszenario aufbaut, das er dann mit den einfachsten Mitteln vorgibt, lösen zu können. Am Ende ist das Problem da draußen gar nicht so groß, und die angebliche Lösung ist in Wahrheit das Problem?  

 

  1. Viele Doomsday-Propheten sind Medienstars. Die Illner-Talkrunde offenbar ein ernstes Problem für Anleger: Viele Medien powern die fragwürdigen Geschäftsmodelle der Crash-Propheten, weil sie leider die Qualität der Quote opfern und den Vertretern bedenklicher Thesen daher viel Publizität verschaffen. Nicht jede Talk-Runde im Fernsehen, leider auch nicht in den öffentlich-rechtlichen Sendern, hat den Anspruch, zu informieren. Hier lautet das Zauberwort „Infotainment“. Nur hat Infotainment leider oft nichts mit Information zu tun. Das macht solche Sendungen  im Kontext von Geldanlagefragen höchst bedenklich, da viele uninformierte Bürger, die dringend effizient vorsorgen müssten, so aufs Eis gelockt werden. Merke: Traue nur den seriösen Medien und halte Dich von den Quoten-Hengsten fern. (Es sei denn, Sie haben Lust auf Klamauk und wissen, wie Sie die Dauerquaselsendungen einzuordnen haben.)

 

  1. Doomsday-Propheten bauen auf unsere kurzen Aufmerksamkeitsspannen. Der Crash kommt 2023. Ganz sicher. Und was, wenn er dann nicht käme? Dann wird sich im Zweifel kaum jemand daran erinnern, dass im Jahr 2019 die Krise für 2023 ausgerufen wurde. Und wenn doch, dann gibt es hervorragende Ausreden: Eine Verschwörung der EZB mit der korrupten politischen Klasse hat den „todsicheren“ Crash doch verhindert. Und natürlich ist aufgeschoben nicht aufgehoben. Nachzulesen im Buch „Der nächste Crash kommt im Jahr 2030“. Welche Meldung im Internet würden Sie eher anklicken: „Der Markt crasht – so retten Sie Ihr Geld!“ oder „Bleiben Sie investiert, langfristig ermöglichen breit gestreute Aktienportfolios ordentliche Renditen“? Eben! Merke: Menschen neigen dazu, Grusel-Stories zu bevorstehenden Crashs eher Glauben zu schenken als Hausse-Prognosen, auch wenn letztere die Regel und erstere die Ausnahme sind.

 

 

Über den Autor

Ali Masarwah

Ali Masarwah  Ali Masarwah ist als Chefredakteur für die deutschsprachigen Seiten von Morningstar verantwortlich.

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