Mein kurzfristiger Nutzen ist langfristig mein Tod

Warum wir in Zeiten des Klimawandels noch immer SUVs fahren, den Mallorca-Urlaub einem Fondssparplan vorziehen - und welche Implikationen es hat, dass wir dabei auch noch rational handeln.

Ali Masarwah 14.06.2019

Neulich hatte ich das große Vergnügen, auf einer Veranstaltung zum Thema Nachhaltigkeit zu sprechen. Alle Teilnehmer des Podiums waren sich einig, dass die Menschheit nur noch wenig Zeit hat, umzusteuern und den Klimawandel aufzuhalten. Mein wichtigster Punkt war ein Plädoyer für tiefgreifendes Research. ESG, also Nachhaltigkeits-Investments, wird für Anleger immer komplexer, und das erfordert eine möglichst eingehende Erfassung aller möglichen Parameter und deren tiefgreifende Analyse. Vertreter der Fondsgesellschaft plädierten ihrerseits für ESG-Fonds. 

Beseelt von derart anspruchsvollen Themen ging es in die Pause. Dort waren viel profanere Themen relevant. Ist es richtig, reflektierte der Gastgeber mit halbschlechtem Gewissen, als Imbiss Fleisch zu servieren? (Vielleicht nicht unbedingt, aber das Wohlergehen vieler Gäste verlangt erfahrungsgemäß danach). Ist es statthaft, zu Konferenzen mit dem Flugzeug zu reisen statt mit der umweltfreundlicheren Bahn? (Ja, weil die Zeit knapp ist und der Flugpreis oft tiefer ist als eine vergleichbare Bahnfahrt.) Als sich dann herausstellte, dass einige Teilnehmer mit dem SUV angereist waren, wendeten wir uns zügig dem Nachtisch zu. 

Sind wir wirklich so irrational?

Es liegt heute im Trend, nicht mehr den Homo Oeconomicus als Menschenbild vor Augen zu haben. Als rational handelnde Wesen haben wir sprichwörtlich abgewirtschaftet. Heute steht der irrationale Homo Sapiens mit seinen Unzulänglichkeiten im Mittelpunkt. Um im Beispiel zu bleiben: Wir waren alle 100-prozentig vernunftgeleitet, als wir uns im Konferenzsaal befanden und haben uns dann in der Mittagspause als irrationale Deppen geoutet. Ertappt. Wie blöd! 

Auch in der Finanzwissenschaft gewinnt das Thema „Behavioral Economics“ immer mehr an Bedeutung. Demnach ist der Mensch nicht der knallharte Nutzenmaximierer, sondern ein affektgetriebenes Wesen, das von seinen Launen und Bedürfnissen getrieben wird und deshalb seinen ureigenen Interessen zuwiderhandelt. Finanzprofis sprechen heute von „typischen Anlegerfehlern“, wenn der Konsument den Mallorca-Familienurlaub dem langfristigen Investmentsparen vorzieht.

Finden Sie nicht, dass das jetzt zu schnell geht? 

Zwar ist den Behavioristen durchaus zuzustimmen, wenn Sie unterstellen, dass man den Menschen nicht immer als knallharten Nutzenmaximierer verstehen sollte. Aber es fühlt sich intuitiv nicht gut an, die Mitmenschen (und sich selbst!) folgerichtig als irrational (sprich: doof) abzustempeln.

Das wäre auch schlicht nicht angemessen. Zunächst sollte man Nutzenmaximierung und Rationalität nicht als sich ausschließende Konzepte verstehen. Wir können durchaus rational handeln, wenn wir den Flieger nehmen oder in einen SUV steigen, auch dann, wenn es nicht zu einer Konferenz, sondern in den Urlaub geht.

Denn es gibt nicht diesen einen Aspekt von "Nutzen". Es gibt unterschiedliche Prioritäten, die durch unterschiedliche Zeithorizonte erklärbar sind. Das führt zu unterschiedlichem Entscheidungsebenen. In der Sozialwissenschaft unterscheidet man zwischen kurzfristiger und langfristiger Nutzenmaximierung. Diese gedankliche Trennung ist deshalb wichtig, weil sie zur Schlussfolgerung führt, dass diese unterschiedlichen Ebenen nicht notwendigerweise  miteinander in Einklang stehen. 

Übertragen auf die eingangs erwähnte Veranstaltung würde ich den Teilnehmern weniger unverantwortliches Handeln und Irrationalität vorwerfen, als vielmehr unterstellen, dass hier verschiedene Nutzenebenen ins Spiel kommen. Wir nehmen einerseits den Flieger, um schneller zu einer Konferenz zu kommen und verfolgen auf dieser glaubhaft das Ziel, durch ESG-Analysen oder das Plädoyer für ESG-Fonds den Klimawandel aufzuhalten.  

Kurzfristige Handlungsweisen können für sich genommen konsistent sein. Und es ist zugleich nicht auszuschließen, dass das, was uns kurzfristig zum Ziel bringt, langfristig in den Tod führt.

(Jetzt könnten findige Leser einwenden, dass man mit dieser Sicht irrationale Handlungsweisen per se ausschließt. Wenn alles mit verschiedenen – rationalen – Präferenzebenen wegbegründet wird, entschuldigt man dann nicht jeden Blödsinn, den sich der Mensch so ausdenkt? Guter Punkt. Deshalb leitet Ihr Kolumnist jetzt gleichermaßen zügig wie unauffällig zum nächsten Punkt über.)

Der Staat kann CO2-Steuern und Basta-Renten einführen

Unterstellt man, dass unser Handeln Ausdruck verschiedener Nutzenebenen ist, dann ist es nicht damit getan, an unsere „Vernunft“ zu appellieren und zu hoffen, dass wir den Familienurlaub auf Mallorca stornieren, was nicht nur dem Klima nutzte, sondern auch den Abschluss eines Fondssparplans ermöglichte. 

Aber gibt es wirklich keine Chance, die Widersprüche zwischen den unterschiedlichen Ebenen der Nutzenmaximierung aufzulösen bzw. Prioritäten einzuführen? Doch, und jetzt kommt doch wieder die Sozialwissenschaft ins Spiel. Bereits vor 100 Jahren hat Max Weber zwischen zwei rationalen Handlungsebenen unterschieden. Das zweckrationale Handeln kommt dann zum Tragen, wenn wir in den Flieger oder den SUV steigen und nicht in die umweltfreundliche Bahn. Hier kann das wertrationale Handeln gegensteuern. Etwa durch die Einführung – wie auch immer gearteter – „Gebote“. Etwa effektive Maßnahmen zum Klimaschutz oder eine robuste Altersvorsorge, die garantiert, dass wir in Würde altern können. 

So bitter das für die Marktliberalen unter uns jetzt klingen mag: Die Festlegung, was es nun mit der wertrationalen Handlungsebene auf sich hat, definiert der Staat. (Früher hat das die Kirche und noch früher der Fürst besorgt). Aber sie mögen sich trösten; Der Staat sind wir; sein Repräsentant ist bei uns glücklicherweise nur ein Souverän auf Zeit. In unserer wunderbaren repräsentativen Demokratie mandatieren wir mittels allgemeiner und geheimer Wahlen Politiker, hinter denen Kohorten von Experten stehen, schwierige Probleme für uns zu lösen. 

Bezogen auf den Umweltschutz könnte das heißen, dass der Staat CO2-Emissionen mit einem derart hohen Preis versieht, dass wir nicht mehr in den SUV oder den Flieger steigen, sondern in die Bahn. Mit Blick auf die Altersvorsorge könnte das zur Folge haben, dass der Staat ein Vorsorge-Obligatorium vorschreibt; etwa die private Basta-Rente, die der Kollege Egon Wachtendorf neulich ins Spiel gebracht hat

Da viele von uns aus zumindest teilweise rationalen Gründen nicht aus freien Stücken vorsorgen, ist ein starker Staat nötig, um uns an die Hand zu nehmen und uns zu unserem Langfristglück zu zwingen. Damit würde übrigens auch die ewige Leier, wonach „der Anleger Garantien braucht“ quasi im Vorbeigehen weggefegt. Garantien stehen unserem Vorsorgeglück entgegen, weshalb sie in der Basta-Rente schlicht nicht vorgesehen wären. Ermöglichen würde das der Staat, der nichts anderes täte, als wertrational zu handeln. Und das klingt doch wie Musik in den Ohren - gerade bei den marktliberal denkenden Verantwortlichen in der Finanzindustrie?

Über den Autor

Ali Masarwah

Ali Masarwah  Ali Masarwah ist als Chefredakteur für die deutschsprachigen Seiten von Morningstar verantwortlich.