Nationale Aktienmärkte sind in Wirklichkeit höchst international

Der Ort des Börsen-Listings sagt nichts über die geschäftlichen Schwerpunkte eines Unternehmens aus. Unser Morningstar Revenue Atlas gibt einen Einblick in das Ausmaß der globalen Verflechtung von Unternehmen weltweit – er gibt Investoren Hinweise auf Chancen und Risiken, die sich bei der Betrachtung herkömmlicher Indizes nicht erschließen.

Dan Lefkovitz 24.06.2019

Nationale Aktienmarktindizes werden oft als Barometer für die wirtschaftliche Gesundheit ihrer Länder herangezogen. Die alltäglich im Fernsehen gezeigte DAX-Tafel suggeriert einen Zusammenhang zwischen den 30 größten deutschen Unternehmen und der deutschen Wirtschaft. Das stimmt in gewisser Weise, da die Wurzeln der betreffenden Konzerne natürlich in Deutschland liegen. Jenseits historischer Reminiszenzen sagt die Zugehörigkeit zum DAX heute aber vor allem eines aus: Das betreffende Unternehmen ist an der Deutschen Börse gelistet. Keinen Aufschluss gibt die Zugehörigkeit zum DAX indes über die Frage, wo die Unternehmen ihre Umsätze erwirtschaften. Ein DAX-Unternehmen, das 90 Prozent seines Umsatzes im Ausland erwirtschaftet, ist stärker von den Entwicklungen dort als im Heimatland betroffen. 

Der Morningstar Revenue Atlas, der 46 Morningstar-Länderindizes nach der Umsatzquelle der Unternehmen analysiert, soll Investoren helfen, die wahre regionale Verortung ihrer Investments vorzunehmen. Weil Bilder oft mehr sagen als Worte, haben wir vier Charts aus dem Atlas ausgewählt. Sie zeichnen das Bild einer höchst verflochtenen Unternehmenswelt. Investoren können diese Daten nutzen, um ihre Risikopositionen besser zu verstehen, ihre Portfolios zu diversifizieren oder um neue Chancen zu identifizieren. 

Zunächst stellen wir dar, wie heimatorientiert die Unternehmen in den jeweiligen Indizes sind. Im zweiten Schritt bilden wir das Umsatz-Exposure der Märkte zu den asiatischen Schwellenländern ab; hiernach blicken wir auf die Rolle der Eurozone, um schlussendlich die Abhängigkeit der weltweiten Märkte vom USA-Geschäft zu analysieren – in Zeiten der zunehmend protektionistischen Tendenzen in der USA dürfte dieser Chart besonders illustrativ sein! 

Zunächst noch eine kurze Erläuterung zur Methodologie unseres globales Umsatzbarometers: Die 46 Morningstar Länder-Indizes leiten sich vom Morningstar Global Market Index ab und spiegeln 97 Prozent der globalen Marktkapitalisierung wider. Sie enthalten Standardwerte wie Nebenwerte. Die Umsatzstatistiken basieren auf jährlichen bzw. halbjährlichen Unternehmensberichten. Allerdings schlüsseln Unternehmen nicht immer ihre Umsätze genau nach Land auf. In solchen Fällen brechen wir regional aggregierte Umsatzdaten nach dem Bruttoinlandsprodukt der Länder in der Region herunter. Die Daten geben den Stand per Ende 2018 wider; dabei wurden Unternehmensberichte bis Ende März 2019 berücksichtigt. 

Grafik: Welchen Stellenwert die lokalen Märkte haben 

Wie die obere Grafik zeigt, sind einige nationale Aktienmärkte in Wirklichkeit höchst international. Die geringste Abhängigkeit vom Heimatmarkt zeigen die Unternehmen, die im Index Morningstar Switzerland vertreten sind. Nur 10,5 Prozent des Umsatzes der Schweizer Konzerne wird in der Schweiz generiert. Gewissermaßen sind die Eidgenossen die wahren Exportweltmeister. Apropos Exportweltmeister: Auch Unternehmen aus Deutschland erwirtschaften – trotz der Größe der deutschen Volkswirtschaft – mit knapp 25 Prozent einen recht überschaubaren Umsatzanteil am Heimatmarkt. Auch die Umsatzstruktur der Mitglieder des Morningstar Österreich Index deutet mit knapp 29 Prozent auf die dominante Rolle der Auslandsmärkte für österreichische Unternehmen.

Indes finden sich unter den Schwellenländern die am stärksten inländisch orientierten Unternehmen. Der Morningstar China Index erwirtschaftet schätzungsweise 87% seines Umsatzes im Inland, was für eine als exportorientiert bekannte Wirtschaft überraschend hoch ist. Aber mehr als 25 Prozent des Gewichts seines Index werden von Tencent und Alibaba ausgemacht, die inländische Player sind. Darüber hinaus prägen einige große Finanzdienstleister, die vor allem im Inland tätig sind, den Morningstar China Index. Die Unternehmen in den Indizes für die Türkei und Brasilien sind ähnlich heimisch ausgerichtet. Schätzungsweise 68 Prozent der Umsätze aus Indien stammen aus dem Inland; dass die Auslandsquote von fast einem Drittel recht hoch ist, liegt an dem Gewicht von Technologie-Outsourcing-Unternehmen wie Infosys, die ein erhebliches Indexgewicht einnehmen. Korea und Taiwan sind indes dank Samsung und Taiwan Semiconductor beide recht auslandsorientiert. 

Dass das Bild von den inlandsorientierten Schwellenländern und den außenorientierten Industrienationen nicht als Regel zu verstehen ist, zeigen Japan und die USA, deren Unternehmen 60 bzw. 66 Prozent der Umsätze im Inland erwirtschaften. Die in Kanada, Australien und Neuseeland gelisteten Unternehmen erwirtschaften jeweils etwa die Hälfte ihrer Erträge im Inland und die Hälfte außerhalb der Landesgrenzen. 

Grafik: Welchen Stellenwert asiatische Schwellenländer haben 

Konträr zur allgemeinen Wahrnehmung als global ausgerichteter Exporteur ist China vor allem in Asien präsent. Knapp 88 Prozent des Umsatzes des Morningstar China wird in Asien erwirtschaftet. Auch Länder wie Indonesien, die Philippinen, Thailand und Indien sind stark nach innen, also nach Asien ausgerichtet. (Singapur und Hongkong sind indes stark auf entwickelte asiatische Märkte ausgerichtet.) 

Mehrere europäische Aktienmärkte sind stark in Asien engagiert; die Indizes Großbritanniens, der Schweiz, Deutschlands, Finnlands, Frankreichs und der Niederlande weisen allesamt einen Ertragsanteil von geschätzt zehn bis 15 Prozent in asiatischen Schwellenländern auf. Ungeachtet seiner geografischen Lage und seiner Verbindungen zu China ist der australische Aktienmarkt mit rund elf Prozent überraschend wenig in den Schwellenländern Asiens verbunden, wie auch Japan. Die USA und Brasilien haben einen Schwellenländer-Asien-Anteil von etwa fünf bis sechs Prozent. 

Grafik: Welchen Stellenwert die Eurozone hat 

Dass die EU ein gigantischer Binnenmarkt ist, wird durch die Aufschlüsselung der Umsätze der Unternehmen in der Eurozone belegt. Unternehmen aus Griechenland, Portugal, Italien und Österreich weisen einen Umsatzanteil von rund zweidrittel für die Eurozone aus. Auch Belgien und Deutschland sind mit rund 40 Prozent dabei. Europäische Länder, die nicht an der gemeinsamen Währung teilnehmen, wie die skandinavischen Märkte und die Schweiz, haben ein geringeres, aber immer noch signifikantes Engagement in der Eurozone. Die britischen Unternehmen erwirtschaften schätzungsweise rund 14 Prozent ihres Umsatzes in der Eurozone; diese Quote könnte sich im Zuge des Austritts Großbritanniens aus der EU verändern. Die Eurozonen-Quote der US-Unternehmen liegt bei rund neun Prozent des Umsatzes, ähnlich wie das bei Unternehmen aus Russland der Fall ist. 

Grafik: Welchen Stellenwert die USA haben

Wenn die USA niesen, bekommen etliche Länder die Grippe. Das mag übertrieben klingen, trifft aber tatsächlich in vielen Beispielen zu. Unternehmen aus Dänemark, der Schweiz, Kanada, Irland, Israel, Taiwan, Deutschland und Großbritannien überschreiten alle die 20-Prozent Schwelle ihres Umsatzes mit Blick auf den Austausch mit den USA. Das dänische USA-Engagement geht vor allem auf Novo Nordisk zurück, dessen Diabetespräparate in den USA weit verbreitet sind.

Nestle, Roche und Novartis erzielen allesamt bedeutende Umsätze auf dem US-Markt. Kanadas US-Exposure kommt nicht nur von seinen Energieunternehmen, sondern auch von seinen Finanzdienstleistungsriesen wie der Royal Bank of Canada, der Toronto-Dominion Bank und der Bank of Montreal; Irlands vom Zementriesen CRH und der Kerry Group; in Deutschland fallen Namen wie SAP, Siemens und Daimler; im Falle Großbritanniens sind BP, Shell, GlaxoSmithKline und AstraZeneca stark in den USA engagiert.

Überraschenderweise ist das US-Exposure des mexikanischen Marktes mit geschätzten 11,3 Prozent relativ gering und damit niedriger als das Kolumbiens. Unternehmen aus Indien und Japan erwirtschaften jeweils rund 13 Prozent ihres Umsatzes im USA-Geschäft; erstere dank Technologieunternehmen und letztere dank Konzernen wie Toyota und Sony. Brasilien und Russland weisen indes ein geringes USA-Risiko auf.

Die Analysen in diesem Artikel basieren auf unserem Tool für professionelle Anleger. Weitere Informationen zu Morningstar Direct erhalten Sie hier  

Über den Autor

Dan Lefkovitz  Dan Lefkovitz is Content Strategist, Indexes Product Management.