Für manche ist die Volatilität eine schlechte Nachricht, für andere nicht

Es gibt den Spruch, dass sich bei Ebbe zeigt, wer sich ohne Badehose ins Meer gewagt hat. Der hat durchaus etwas mit dem Fondsmarkt in Europa im Allgemeinen und mit Mischfonds im Besonderen zu tun. Ein Interview. 

Ali Masarwah 17.12.2018

Ein Interview, das am 17. Dezember auf fundplat.com veröffentlicht wurde. In meinem Ausblick für das neue Jahr stelle ich die Thesen auf, dass die aktuelle Volatilität am Markt für manche Fondsanbieter schlechte Nachrichten sind, dass die heutige Zeit nicht für alle Anleger ein Graus sein sollte - und dass es eine gute Nachricht ist, dass offenbar viele Investoren einen realistischen Blick auf einige gehypte Produkte entwickelt haben. Das Interview führte Thomas Caduff, CEO der Fundplat GmbH, eine B2B Event- und Media-Plattform mit Präsenz in Deutschland, Luxemburg, Österreich und der Schweiz, dem ein herzliches Dankeschön für die Genehmigung dieses Nachdrucks gebührt. 

Thomas Caduff: Herr Masarwah, in wenigen Tagen ist das Jahr 2018 Geschichte. Gab es gute Stories zu schreiben?

Ali Masarwah: Es gab richtig viele gute Stories zu schreiben! Das hat auch damit zu tun, dass wir bei Morningstar etliche neue Research-Tools entwickelt haben, die man als neugie­riger Analyst gerne nutzt, um anleger­orien­tierte Artikel zu schreiben. Zum Beispiel die Möglich­keit, die Karbon-Inten­sität und das Karbon-Risiko nunmehr auch auf Fonds­ebene kalku­lieren zu können. Zudem haben wir die Reich­weite unseres Fonds-Researchs erheblich erweitert. Mithilfe eines Machine-Learning-Algo­rithmus sind wir nunmehr in der Lage, die Metho­do­logie unserer Analyst Ratings quanti­tativ zu repli­zieren, was es uns ermög­licht, das Uni­versum der quali­tativ bewer­teten Fonds von rund 1.000 europa­weit auf nunmehr 26.000 zu erhöhen. Auch bei unseren Morningstar-Indizes gibt es inzwischen etliche neue Funktio­nali­täten, die Anleger helfen, ESG-rele­vante Themen, aber auch das Geschäfts-Expo­sure von Firmen regional und sektoral zu analy­sieren.

Und welche Marktereignisse haben Ihnen am meisten Arbeit beschert?

Eindeutig war die Rückkehr der Vola­ti­lität an den Märkten das Thema Nummer eins. Wie das dann immer der Fall ist, geht man den Folgen für Invest­ments und Fonds nach, auch ange­trieben von den vielen Medien­anfragen, die dann typi­scher­weise ähnliche Fragen ansprechen: Wer hat profitiert, wer hat gelitten, warum reagieren Anleger so, wie sie reagieren? Über das Warum lässt sich trefflich speku­lieren, aber weil wir eine ganz ordent­liche Über­sicht über die Flows in Fonds haben und auch die Perfor­mance von allen rele­vanten Kate­gorien von Anlage­fonds und ETFs haben, können wir zumindest eine gute Grund­lage für die Entwick­lung von Thesen Medien zur Ver­fügung stellen bzw. auf unseren Berater-Web­sites veröffent­lichen.

An welche erinnern Sie sich besonders gerne?

Gerne ist so eine Sache: Viele Misch- und alter­native Fonds haben eine höchst uner­freu­liche Perfor­mance an den Tag gelegt. Besonders krass war das Versagen von defen­siven Misch­fonds, die ja dazu angetan sein sollten, das Anleger­kapital zu schützen. Das war in diesem Jahr mitnichten so: Zu viel High Yields und andere hoch­verzins­liche Papiere, zu wenige Staats­anleihen und zu hohe Aktien­quoten haben dazu geführt, dass fast alle dieser Fonds eine absolut nega­tive Perfor­mance erwirt­schaftet haben. Dazu kommt, dass viele offenbar zu hektisch auf die Markt­situation reagiert haben, nachdem sie im Februar kalt erwischt wurden. Wer danach das Aktien-Expo­sure abge­sichert hat, hat Verluste einge­loggt und die über weite Strecken des Frühlings und des Sommers ordent­liche Aktien-Erholung verpasst. Hoffen wir, dass solche Manager dann auch in den Oktober mit gehedgten Risiken gegangen sind und nicht von der zwischen­zeit­lichen, schein­baren Ruhe an den Märkten dazu bewegt wurden, Risiken einzu­gehen, um verlo­renes Terrain wieder gut zu machen.

Auf den Nenner gebracht: War 2018 also kein erfreuliches Jahr für die Anbieter von aktiv verwalteten Fonds?

Das kann man so sagen. Denn Anleger haben reagiert und - bei Misch­fonds ein neues Phänomen! - die vermeint­lichen Risiko­manager-Fonds zurück­gegeben. Die Mittel­abflüsse bei den alter­native UCITS und den Misch­fonds waren doch erheblich.

Und wie sieht es für die ETF-Industrie aus?

Der Motor läuft, die Maschine schnurrt… ETFs profi­tieren von den vola­tilen Märkten, auch wenn die Nach­frage nicht mehr ganz so hoch ist wie in den Jahren, in denen die Märkte linear nach oben gelaufen sind. Das dürfte durch regu­lato­rische Verän­derungen in manchen Ländern wie Gross­bri­tannien oder den Nieder­landen motiviert sein, wo Kick­backs verboten sind. Aber mit Sicher­heit spielt die fort­dauernden Enttäu­schungen bei aktiven Fonds eine Rolle für die steigende Nach­frage nach ETFs - und für die sinkende Nach­frage nach aktiv verwal­teten Fonds.

Das neue Jahr wird wohl für alle noch härter. Teilen Sie diese Prognose?

Härter für die Fondsanbieter, die non-perfor­mante und zumeist über­teuerte Pro­dukte anbieten. Wenn die Märkte steigen, dann fällt es vielen Anlegern nicht auf, wenn der Fonds under­performt, solange der Fonds­preis nach oben geht. Es wird indes viel stärker wahr­ge­nommen, wenn die Verluste eines Fonds uner­wartet hoch ausfallen. Hier ziehen Anleger, und typischer­weise auch Berater, sehr schnell die Reissleine. Für Anleger in solchen Fonds kann es auch härter werden, denn ihre Perfor­mance wird absehbar schlecht ausfallen, so schlecht, dass sogar ihre Invest­ment-Ziele in Gefahr sind, wenn es ganz schlecht läuft. Aber es muss nicht für alle härter werden. Gute Manager und die Manager passiver Fonds dürften profi­tieren. Und Lang­frist­inves­toren, die noch einige Invest­ment-Jahre vor sich haben, können und sollten weiter auf Kurs bleiben. Und sie sollten die Korrektur nutzen, um Risiko­posi­tionen aufzu­stocken. Hier greift das kauf­män­nische Motto: Der Gewinn liegt im Einkauf!

 

Über den Autor

Ali Masarwah

Ali Masarwah  Ali Masarwah ist als Chefredakteur für die deutschsprachigen Seiten von Morningstar verantwortlich.