Wie heimatverbunden ist der S&P 500?

Auch wenn die großen US-Konzerne eine starke Binnenorientierung aufweisen, so handelt es sich beim US-Leitindex faktisch um ein globales Portfolio.

Ali Masarwah 28.05.2018

Diversifizierte Portfolios sind in der heutigen Welt unweigerlich global ausgerichtet, auch wenn sie lokale Investmentregionen abbilden. Der Verkehr von Waren und Dienstleistungen, die Verregelung und Verrechtlichung der internationalen Beziehungen haben bewirkt, dass Unternehmen weltweit tätig sind. Heute kann es sich kein Land leisten, sich aus der Weltwirtschaft abzukoppeln und eine Insel zu sein. Das Gerede über Handelskriege hin oder her.

Dennoch reflektieren Länderindizes im Bewusstsein der meisten Anleger lokale, allenfalls noch regionale Wirtschaftsstrukturen. Der DAX gilt als Spiegel der deutschen Wirtschaft. Aber das ist nur sehr eingeschränkt der Fall. Gemäß einer Untersuchung der Unternehmensberatung EY erwirtschafteten die 30 DAX-Konzerne mehr als dreiviertel ihres Umsatzes außerhalb Deutschlands. Bei Linde, Heidelberger Cement, Adidas und FMC sind es sogar über 90 Prozent.

Dass deutsche Unternehmen stark auf das Ausland ausgerichtet sind, hat sich inzwischen herumgesprochen. Dass allerdings auch US-Konzerne im S&P 500 Index längst nicht so binnenwirtschaftlich bezogen sind, ist weniger bekannt. Auch in den USA hat sich die Bedeutung des Firmensitzes relativiert. Unternehmen im S&P 500 Index erwirtschaften rund 38 Prozent ihres Umsatzes außerhalb des Heimatlandes, davon entfallen 14 Prozent auf Europa und acht Prozent auf die Volksrepublik China. Das geht aus unserer Analyse der Ertragsquellen des US-Leitindex hervor. 

Die kleineren US-Unternehmen sind deutlich stärker binnenbezogen

Bei Wachstumsunternehmen geht es sogar noch internationaler zu. Der Russell 1000 Growth Index ist zu rund 41 Prozent von Umsätzen außerhalb der USA abhängig. Anders sieht das Bild bei Value-Indizes aus. Beim Russell 1000 Value Index beträgt der Anteil am Auslandsumsatz 32 Prozent. Und je weiter man auf der Kapitalisierungsleiter heruntersteigt, desto heimatbezogener werden US-Unternehmen. Das hat zur Folge, dass Investoren in US-Small-Cap-Fonds weniger von Geschehnissen außerhalb der USA abhängig sind als Investoren in USA Large-Cap Fonds. Europäische Anleger, die auf US Small Caps setzen, leisten also unter Umständen einen besseren Beitrag zur Diversifikation ihres Portfolios, als wenn sie auf einen US-Large-Cap Fonds setzen.  

Chinas Internet-Giganten Tencent und Alibaba illustrieren sehr gut, wie wenig der Ort des Listings unter Umständen mit den Geschäftsaktivitäten zu tun hat. Die Aktien von Tencent (ADR) und Alibaba werden in den USA außerbörslich bzw. an der New Yorker Börse gehandelt. In Dollar berechnet weisen die Konzerne eine Marktkapitalisierung von rund 560 bzw. 500 Mrd. aus. Sie würden also zu den Top-zehn-Bestandteilen des S&P 500 zählen, wenn sie in diese Benchmark aufgenommen würden. Viel mehr als der Ort des Börsenlistings haben beide Konzerne nicht mit den USA am Hut. Tencent erwirtschaftete zuletzt etwa fünf Prozent seines Umsatzes außerhalb Chinas. Alibaba versucht zwar, seine Geschäft zu internationalisieren, aber bisher war der Umsatzanteil gering. (Das Unternehmen macht keine Angaben zu der geografischen Herkunft seiner Umsätze.) 

Für Anleger wird es immer wichtiger, auf die Umsatzquellen von Unternehmen zu achten und nicht dem Ort des Börsen-Listings die größte Bedeutung beizumessen. Wir werden innerhalb dieses Jahres noch eine Funktionalität zur Analyse der Umsatzherkunft von Fonds bzw. Indizes auszuweisen, um das Manko der herkömmlichen Verortung von Unternehmen zu adressieren.

Grafik: Die Umsatzstruktur des S&P 500 nach Quelle der Umsätze

 

Über den Autor Ali Masarwah

Ali Masarwah  Ali Masarwah ist als Chefredakteur für die deutschsprachigen Seiten von Morningstar verantwortlich.