Wenn Sie mit der Nutzung dieser Website fortfahren, stimmen Sie dem Einsatz von Cookies auf Ihrem Gerät zu. Lesen Sie hier mehr über unsere Cookie Policy und welche Arten von Cookies wir verwenden.

Europa versus USA: Wer übertrumpft wen?

Eine bewertungsorientierter Vergleich der Märkte ergibt weniger Klarheit, als es sich viele Anleger vielleicht vorgestellt haben.

Ali Masarwah 18.05.2017

Europäische Anleger, die in den vergangenen zehn Jahren US-Aktien massiv auf Kosten Europa-Aktien übergewichtet haben, können sich massiv auf die Schultern klopfen: Die Outperformance war immens. Der Standardwerte-Index Morningstar US Market übertraf sein Pendant, den Morningstar Europe, seit dem Frühjahr 2007 im Schnitt jedes Jahr um fast 600 Basispunkte. Noch deutlicher war die Outperformance gegenüber Euroland- und Schweizer Aktien. Hier lag der US-Aktienindex sogar über 700 Basispunkte jährlich vor dem Morningstar Eurozone Large-Mid bzw. dem SMI. Die untere Tabelle liefert eine Übersicht über die Performance einiger einschlägiger Indizes in den vergangenen Jahren.

Tabelle: Die Bilanz USA vs. Europa spricht eine klare Sprache, die Erste

Doch wer in Deutschland, der Schweiz oder Österreich einen Home-Bias gepflegt und heimische Aktien übergewichtet hat, muss nicht zwangsläufig in Sack und Asche gehen. Zumindest seit dem vergangenen November, seitdem Donald Trump zum US-Präsidenten gewählt wurde, hat sich der langjährige Trend umgekehrt. Hoben US-Aktien (und der US-Dollar) zunächst infolge einer allgemeinen Euphorie über erwartete Steuerreformen und Konjunkturprogramme zu einem weiteren Höhenflug an, so ging US-Aktien seit Anfang März 2017 erkennbar die Puste aus. Seitdem sind US-Aktien (bzw. der US-Dollar) gegenüber europäischen Aktien (bzw. gegenüber Euro und Schweizer Franken) deutlich zurückgefallen. Die untere Graphik illustriert, wie sich die Bilanz inzwischen zugunsten europäischer Investments verschoben hat: Um rund 800 Basispunkte hat der Morningstar Europe Index seit Anfang November 2016 den Morningstar US Market Index übertroffen.

Tabelle: Die Bilanz USA vs. Europa spricht eine klare Sprache, die Zweite

 

Nun könnte man einerseits (mit einigem Recht) diesen Kurzfristtrend als nicht maßgeblich abtun. Tatsächlich könnte man versucht sein, die derzeitige Abstrafung von US-Aktien als natürliche Kehrseite der übertriebenen „Animal Spirits“ des vergangenen Herbstes zu relativieren. Seinerzeit hatten optimistische Anleger die Märkte über Gebühr aufgeblasen, nunmehr lassen pessimistische Anleger die Luft wieder ab. Eins minus eins gleich null, alles auf Anfang. Oder doch nicht?

Man könnte versucht sein, die heutige Marktlage dergestalt abzuhaken. Das wäre kein Fehler, allerdings könnten manche Anleger Gefahr laufen, das große Bild aus den Augen zu verlieren. Faktum ist: Aktien hatten ungeachtet des Nasenstübers für Aktien in dieser Woche seit November 2016 einen phantastischen Lauf. US-Aktien legten im Schnitt um knapp elf Prozent zu, europäische Aktien stiegen um knapp 20 Prozent. Das hat Realitäten geschaffen, die es zu beachten gilt.

Man sollte als Investor nicht ausblenden, dass Aktien deutlich teurer sind, als sie es im November 2016 waren. Wie sieht es also mit der Attraktivität von Aktien aus? Für eine bessere Standortbestimmung haben wir das getan, was alle bewertungsgetriebenen Investoren intuitiv machen: Sie schauen auf die Bewertungen.

Regelmäßige Leser unseres Morningstar Markt Barometers werden mit den folgenden Ausführungen vertraut sein: Bei unsere Analyse der Aktienmarktbewertungen blicken wir in unserem monatlichen Format durch die Brille der Morningstar Aktien-Style Box. Wir berechnen anhand unserer proprietären Bewertungskennzahl Price-/Fair Value (P/FV, deutsch: Kurs-/Fair-Value Verhältnis, K/FVV) welche Marktsegmente der Neun-Felder-Matrix überbewertet sind und welche unterhalb dem von uns taxierten fairen Wert notieren. Dieses Format haben wir nun als Vergleich zwischen dem US-Markt und dem europäischen Markt angelegt, gemessen an den beiden oben erwähnten Indizes: Morningstar Europe NR und Morningstar US Market.

Graphik: Die Bewertungs-Bilanz USA vs. Europa spricht keine klare Sprache

Die obere Übersicht zeigt, dass europäische Aktien längst nicht mehr so günstig sind, wie das noch Anfang des Jahres der Fall war. Im Mid Cap Segment sind europäische Aktien leicht teurer als amerikanische Mid Caps, bei Small Caps sind US-Aktien tendenziell teurer. Blickt man auf das Segment Large-Cap Blend, so sind US-Aktien deutlich teurer als europäische Standardwerte, und zwar sind sie zu sechs Prozent überbewertet, gegenüber einer minimalen Überbewertung von europäischen Aktien. Bei Growth und Value sind europäische Standardwerte indes höher bewertet als ihre US-Pendants. Doch der Blick auf das Große und Ganze zeigt auch: Alle Marktsegmente, hüben wie drüben, wiesen (per Ende April) ein Kurs-/Fair Value Verhältnis von über 1,0 auf und sind damit überbewertet.

Kommen wir nun zum Vergleich auf Branchenebene zwischen US-Aktien und europäischen Titeln. Die untere Graphik zeigt ebenfalls kein klares Gesamtbild, ermöglicht indes einige Schlussfolgerungen, welche die Style-Box-Sicht ergänzen. Europäische Rohstoffwerte sind zu 30 Prozent überbewertet, deutlich stärker als ihre US-Pendants, die ein K/FVV von 1,19 aufweisen. Auch europäische Technologiewerte sind stärker überbewertet als die US-Pendants.

Andersherum verhält es sich bei Telecoms: Hier notieren europäische Unternehmen wie kein anderer Sektor deutlich unter ihrem fairen Wert, nämlich bei einem K/FVV von 0,83, während US-Telecoms zu acht Prozent überbewertet sind. Auch US-Versorger und Gesundheitstitel weisen deutliche Bewertungsaufschläge gegenüber ihren europäischen Pendants auf.

Dieses erfrischend heterogene Bild zeigt, dass Anleger zwar von einer Top-down Sicht wertvolle Erkenntnisse ziehen können, sie im Zweifel jedoch sehr viel tiefer einsteigen müssen, wenn es um die Erstellung und Implementierung einer Investment-Strategie geht. Ein wichtiges Fazit aus derartigen relativen Performance-Vergleichen lautet auch, dass angesichts des Timing-Problems es nicht um ein Entweder-oder geht, sondern nur eine breite Diversifikation den Anlageerfolg sicherstellen kann.

Graphik: Die Bilanz USA vs. Europa aus Branchensicht

Über den Autor Ali Masarwah

Ali Masarwah  Ali Masarwah ist als Chefredakteur für die deutschsprachigen Seiten von Morningstar verantwortlich.