Kommentar: ETFs sind für Anleger nur dritte Wahl

Börsennotierte Indexfonds sind in aller Munde und werden auch von Privatanlegern immer häufiger eingesetzt. Sie sollten jedoch bedenken, dass ETFs keine optimalen Vehikel sind und ihren Einsatz entsprechend mit Bedacht planen.

Ali Masarwah 30.10.2015
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ETFs werden sowohl von Profi-Investoren als auch Privatanlegern immer häufiger eingesetzt. Vor allem bei Aktienfonds lässt sich ein sehr klarer Trend beobachten: Anleger schichten immer mehr von aktiven zu passiven Anlagenprodukten um. Das betrifft so gut wie alle Aktienfondskategorien, und dieser Trend ist aller Voraussicht nach nachhaltig. Davon haben wir in einer fünfteiligen Serie sehr ausführlich berichtet, und wir haben herausgefunden, dass dieser Wechsel in vielen Fällen berechtigt sein dürfte (lesen Sie hier mehr).

Dennoch wollen wir an dieser Stelle unsere Leser zum Innehalten ermuntern. Es ist einfach, einem Trend hinterherzurennen. Wer dem Herdentrieb folgt, läuft allerdings Gefahr, zu wenig über Grundlegendes zu reflektieren --- und ultimativ Entscheidungen zu treffen, die suboptimale Ergebnisse zutage fördern können.

Meine These lautet, dass ETFs idealtypisch nur dritte Wahl sind für Privatanleger - ungeachtet der Vorteile, die sie Anlegern im Vergleich zu aktiv verwalteten Fonds in der Realität bescheren können. Anleger würden in einer idealen Welt zunächst auf aktiv verwaltete Fonds setzen. Die zweite Wahl sind nichtbörsennotierte Indexfonds, die nicht fortlaufend, also Intraday, Kurse stellen, sondern einmal täglich zum NAV mit der Fondsgesellschaft gehandelt werden.

Diese These ist natürlich erklärungswürdig. Kommen wir zu aktiv verwalteten Fonds. Sie schlagen in der Mehrzahl durchaus ihre Benchmarks. Zumindest dann, wenn man die Kosten nicht berücksichtigt. Aktienfonds für deutsche Standardwerte lagen in den vergangenen fünf Jahren pro Jahr jährlich 0,3% hinter dem DAX. Je nachdem, ob man institutionelle oder Privatanlegertranchen berücksichtigt, fielen Gesamtkostenquoten zwischen 1,4% und 1,7% an. (Transaktionskosten sind hierbei nicht berücksichtigt.) Vor Kosten war die Outperformance also beachtlich.

BWL-Studium, langjährige Praxis und viel Research: Alles für die Katz?

Diese Feststellung ist gleichermaßen theoretisch wie relevant. Sie ist theoretisch, denn Fonds kommen natürlich nicht ohne Kosten daher. Zugleich ist diese Feststellung deshalb relevant, weil unter vielen Investoren offenbar der Eindruck entstanden ist, dass Fondsmanager so etwas wie überbezahlte Dorfdeppen sind. BWL-Studium, langjährige Praxis, üppige Budgets für Research und Daten, und dann schauen sie belämmert ihren statischen Benchmarks hinterher. Das ist natürlich grober Unfug.

Aus dieser Feststellung leitet sich das Fazit ab, dass sich solche Fonds für Anleger lohnen, die von talentierten Fondsmanagern verwaltet werden und zugleich möglichst tiefe Kosten aufweisen. Der erste Teil der Bedingung ist erfüllt. Um beim Beispiel deutscher Standardwertefonds zu bleiben. Fonds wie Allianz German Equity, Pioneer German Equity, DWS Deutschland und DWS Aktien Strategie Deutschland verfügen seit Jahren über positive Morningstar Analyst Ratings. Sie haben es geschafft, in den vergangenen fünf Jahren die DAX-Benchmark locker zu schlagen. Nach Kosten, wohlgemerkt.

Stichwort Kosten. Die Situation ist unbefriedigend. Die Kosten für aktives Management sind zu hoch. Natürlich kann man Anlegern nicht zum Nulltarif einen Zugang zum Kapitalmarkt verschaffen. Aber  in den vergangenen Jahren bzw. Jahrzehnten sind die Vertriebskosten derart in die Höhe geschnellt, dass die Mehrzahl der Fonds deutlich hinter ihren Benchmarks herhinken. Das schadet der Anleger-Performance und schreit nach einem alternativen Vergütungsmodell für den Fondsvertrieb.

Kommen wir nun zur idealtypischen Anleger-Option Nummer zwei. Nicht-Börsennotierte Indexfonds sind deshalb die bessere Wahl als ETFs, weil viel dafür spricht, dass aus einer prinzipiell möglichen Intraday-Handelbarkeit ein faktischer Intraday-Handel wird. So werden Investoren durch den Einsatz von ETFs zu Market-Timern. Und Market Timing tut der Performance nicht gut. Erst jüngst hat Vanguard-Gründer John Bogle ETFs deshalb heftig kritisiert.

Studie zeigt negative Trading-Effekte

Eine Studie über die Wirkung von ETFs in den Portfolios von Privatanlegern scheint das Unwohlsein des Vanguard-Gründers zu bestätigen. Die relative Performance von Anlegerportfolios nach der Hinzunahme von ETFs war schlechter als vor ihrer Hinzunahme (die Studie heißt bezeichnenderweise „The Dark Side of ETFs“). Ein Fonds, der einmal täglich zum NAV mit der Fondsgesellschaft gehandelt wird, verleitet weniger zum Traden als ein sekündlich handelbares Vehikel. Leider ist die Auswahl an diesen Indexfonds für Privatanleger in Europa begrenzt, viele sind zudem für Privatanleger nicht zugänglich, weil es sich um institutionelle Produkte handelt. So sind in Europa die (nichtbörsennotierten) Vanguard-Indexfonds erst ab einem Anlagevolumen von 100.000 Euro zugänglich. Nicht jeder Privatier wird derart viel Geld in nur einen Fonds investieren können (bzw. wollen).

Erst die Kostennachteile von aktiv verwalteten Fonds und die geringe Auswahl an nicht-börsennotierten Indexfonds machen aus der dritten Wahl die Default-Option. ETFs sind keine Wunschkandidaten, sondern schlicht oft die einzige Möglichkeit für Anleger, zu fairen Konditionen einen guten bis passablen Zugang zum Kapitalmarkt zu erhalten. Anleger sollten deshalb die Augen offen halten und ETFs keinesfalls als so alternativlos ansehen, wie sie oft von Branchenvertretern dargestellt werden. Alternative Vergütungsmodelle im Vertrieb gibt es bereits, und mit der zunehmenden Verbreiterung des Indexfondsmarkts ist nicht auszuschließen, dass auch herkömmliche Indexfonds ihren Weg zum Privatkundenmarkt finden. ETFs sind alles in allem ordentliche Anlagevehikel. Einen Heiligenschein verdienen sie freilich nicht.

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Über den Autor

Ali Masarwah

Ali Masarwah  Ali Masarwah war von 2011 bis Frühjahr 2021 als Chefredakteur für die deutschsprachigen Anleger Websites von Morningstar verantwortlich