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Dividenden-Hype verlangt Differenzierung

Die Fondsbranche singt das hohe Lied der Dividendenfonds. Bevor Anleger allzu unkritisch auf den Marketing-Zug aufspringen, sollten sie den Blick aufs Wesentliche lenken. Eine Check-Liste für Anleger, die mit Dividendenfonds oder –ETFs liebäugeln.

Ali Masarwah 29.04.2015

„Dividenden sind die neuen Zinsen“, „Dividenden statt Niedrigzinsen“, „Dividenden statt Sparbuch“. Wer heute, mitten in der Dividendensaison, Anlegermagazine und Finanzportale im Internet aufsucht, wird höchst wahrscheinlich auf euphorische Berichte zu Dividenden-Investments stoßen. Das ist aus mehreren Gründen verständlich. Zum einen bieten Unternehmensbeteiligungen im Gegensatz zu Anleihen (fast) aller Couleur noch eine auskömmliche Verzinsung des eingesetzten Kapitals. Die extrem lockere Geldpolitik der Europäischen Zentralbank wird nicht zuletzt deshalb kritisiert, weil sie traditionelle, konservative Zinsanlagen unattraktiv macht. Zum anderen sind Dividenden langfristig ein wichtiger Bestandteil der Aktienrendite. Dividenden sind also prima. Einerseits. 

Andererseits beschleicht mich immer wieder das ungute Gefühl, dass die Marketing-Abteilungen der Finanzbranche über das Ziel hinausschießen. Sind Dividendenstrategien wirklich das A und O der Aktienanlage?  Ich fürchte, dass Anlegern der Blick für das Wesentliche verloren zu gehen droht. Ja, Dividenden sind ein wichtiger Bestandteil der Aktien-Performance. Aber der Umkehrschluss gilt eben nicht zwangsläufig: Unternehmen, die hohe Dividendenrenditen bieten, müssen Anlegern nicht zwingend einen besonders hohen Gesamtertrag liefern. Auf die Realität der Investmentfonds gemünzt lässt sich das so formulieren: Fonds, die auf besonders dividendenstarke Unternehmen setzen, erzielen nicht zwangsläufig einen höheren Total Return als Fonds, die den Gesetzen der Marktkapitalisierung folgen. 

Die Probe aufs Exempel gemacht: Bilanz von Dividenden-ETFs

Wir haben uns die Bilanz der Dividendenfonds und –ETFs am Markt vorgenommen und mit der Leistung von marktkapitalisierungsgewichteten Indizes bzw. vergleichbaren, nicht-dividendenorientierten Fonds abgeglichen. Kommen wir zunächst zu ETFs, die nach Dividendenkennziffern gewichtet sind. Es finden sich derzeit europaweit 42 derartiger Indexprodukte. Davon haben 27 eine Dreijahreshistorie, Fünfjahresrenditen lassen sich an 19 Produkten ablesen. Wir haben beim Vergleich Performance der Produkte darauf geachtet, dass sie sich jeweils auf derselben Spielwiese bewegen. Global investierende Dividenden-Aktien-ETFs haben wir also gegen den MSCI World Index laufen lassen, Euroland-Produkte gegen den MSCI EMU, Emerging Markets Dividenden-ETFs gegen den MSCI Emerging Markets. Und so weiter. 

In den vergangenen drei Jahren sind Dividenden-ETFs über alle Kategorien im Schnitt hinter den nach Marktkapitalisierung gewichteten Indizes geblieben, die auf der identischen Spielwiese unterwegs sind. Im Schnitt waren es zwischen 2012 und heute kumuliert 5,06 Prozentpunkte weniger. In den vergangenen fünf Jahren belief sich der Rückstand auf 6,73 Punkte. Besonders frappierend ist die große Dispersion der Ergebnisse. Während einige Dividendenprodukte sehr gut abschnitten, waren andere extrem schwach. Sehr schlecht schnitten zuletzt Schwellenländer-Dividenden-ETFs ab, was vor allem auf die hohe Gewichtung russischer Aktien zurückgeht. Einige lagen in den vergangenen drei Jahren bis zu 30 (!) Punkte hinter dem MSCI Emerging Markets Index. 

Aktiv verwaltete Dividendenfonds: Die langjährige Hausse fordert ihren Tribut

Kommen wir nun zu den aktiv verwalteten Dividendenfonds. Wir haben uns die Fonds der Morningstar Kategorie „Aktienfonds weltweit dividendenorientiert“ näher angeschaut. Sie umfasst derzeit 54 Produkte, die in Deutschland zum Vertrieb zugelassen sind. Von diesen Produkten haben 39 Fonds eine Dreijahreshistorie, 24 sind älter als fünf Jahre. 

Die Performance-Bilanz dieser Fonds fällt eher bescheiden aus. In den vergangenen drei Jahren lagen Dividendenfonds kumuliert im Schnitt 2,99 Prozentpunkte hinter herkömmlichen, global investierenden Aktienfonds, die in der Regel den MSCI World Index als Benchmark haben. Diese Bilanz ist nicht zuletzt deshalb ernüchternd, weil global investierende Aktienfonds der Morningstar Kategorie Global Large-Cap Blend in den vergangenen Jahren keinen guten Lauf hatten. Sie wurden von Dividendenfonds gewissermaßen unterboten (lesen Sie hier mehr). 

Besser, aber gleichwohl nicht berauschend, fällt die Bilanz der Dividendenfonds in den vergangenen fünf Jahren aus. Gegenüber Fonds der Kategorie Aktien weltweit Large Cap Blend lag die kumulierte Outperformance bei durchschnittlich 1,73 Punkten. 

Gegenüber dem MSCI World Index fielen Dividendenfonds in den beiden oben genannten Perioden deutlich ab. Im Schnitt lagen sie in den vergangenen drei Jahren kumuliert knapp 18 Prozentpunkte (!) hinter dem MSCI World. Besser sah es in den vergangenen fünf Jahren aus. Hier lagen Dividendenfonds nur 3,1 Punkte hinter dem MSCI World. 

Viele Anbieter haben Dividenden-Investments erst spät für Ihre Anleger entdeckt

Wie „heiß“ das Thema Dividenden ist, zeigt, dass nur ein geringer Teil der am Markt befindlichen Produkte eine Historie von mehr als fünf Jahren aufzuweisen hat. Mehr als die Hälfte der Anbieter, die heute mit aktiv verwalteten Dividendenfonds am Markt vertreten sind, haben erst innert der vergangenen fünf Jahre Dividenden als lohnenswertes Investmentthema für sich entdeckt. Bei Dividenden-ETFs fällt wiederum auf, dass viele Indizes, die diesen Produkten zugrunde liegen, ebenfalls sehr jung sind. Es ist eben nicht so, dass Dividenden-ETFs etablierten Indizes mit langen Historien folgen. Vielmehr geben ETF-Anbieter Indizes in Auftrag, um entsprechende Produkte kreieren zu können. Dividenden-Investments kann man also mit Fug und Recht als ein großes Experiment bezeichnen.  

Und die Moral der Geschichte? Anleger sollten nicht das sprichwörtliche Kind mit dem Bade ausschütten und von Dividenden-Investments nicht grundsätzlich Abstand halten. Sie sollten unsere kleine Untersuchung allerdings zum Anlass nehmen, um die Marketing-Botschaften der Anleger kritischer unter die Lupe zu nehmen.

Folgende Fragen drängen sich auf: „Brauche ich wirklich einen Dividendenfonds?“, „Weiß ich, wie diese Produkte funktionieren?“, „Seit wann existieren die Produkte, und wie haben sie sich in verschiedenen Marktphasen verhalten?“.  Wir haben zudem eine kleine Check-Liste zusammengestellt, die Sie unterstützen soll, der Dividendenfonds-Story näher auf den Grund zu gehen. 

Dividenden-Investments: Eine Check-Liste für Anleger

  1. Sparen Sie noch oder konsumieren Sie schon? Befinden Sie sich noch in der Ansparphase, sollen Sie nur dann auf Dividendenfonds oder –ETF setzen, wenn Sie überzeugt sind, dass der Gesamtertrag langfristig höher sein wird als bei einem marktkapitalisierungsorientierten Ansatz. Es geht um einen effizienten Kapitalzuwachs. Vergessen Sie also die Informationen zur durchschnittlichen Dividendenrendite -- sie sagen wenig über den künftigen Gesamtertrag des Investments aus!
  2. Die Performance-Angaben der Fondsanbieter unterstellen, dass ausgeschüttete Erträge eines Fonds umgehend wieder reinvestiert werden. Das entspricht allerdings nicht der Realität der Anleger-Rendite. Dass die ausschüttenden und thesaurierenden Tranchen eines Fonds  eine identische Performance zeigen, heißt nicht, dass Sie den Euro zweimal bekommen. Den ausgeschütteten Euro, den Sie in den Konsum stecken, kann nicht wieder investiert werden – auch wenn der Total Return auf dem Fonds-Factsheet dies suggeriert. Ausschüttung oder Kapitalzuwachs? Sie müssen wissen, was Ihr Investment leisten soll (lesen Sie mehr hier).
  3. Folglich sollten Sie in der Ansparphase auf thesaurierende Fonds setzen – sonst verpufft der Zauber des Zinseszinseffekts!
  4. Sollten Sie bereits in der Konsumphase sein, können Dividendenfonds oder –ETFs durchaus sinnvoll sein. Dennoch sollten Sie sich mit dem Ansatz beschäftigen. Wer Erträge für den Konsum braucht, ist in aller Regel auch auf Kapitalerhalt bedacht. Dann ist eine defensive Anlagestrategie Pflicht - Sie wollen ja schließlich möglichst lange etwas zu konsumieren haben!
  5. Es gibt eine gute Nachricht für konservativ ausgerichtete Anleger, die stetige Erträge erwarten: Aktiv verwaltete Dividendenfonds haben in der Regel die günstige Eigenschaft, dass sie in Abwärtsphasen Verluste tendenziell besser begrenzen als vergleichbare Fonds ohne Dividendenfokus.
  6. Die schlechte Nachricht: Sie müssen auf Nummer sicher gehen und sich die Produkte genau ansehen, denn Ausnahmen gibt es immer. Besondere Vorsicht ist bei Dividenden-ETFs angebracht. Wussten Sie, dass die meisten Dividenden-ETFs, die in Schwellenländern investieren, zu großen Teilen am russischen Aktienmarkt unterwegs sind? Und dass 2008 europäische Dividenden-ETFs vollgeladen waren mit Euro-Bankaktien? Vielleicht sind das Achterbahnfahrten, auf die Sie verzichten möchten?
  7. Dividendenfonds sind in der Regel in defensiven Sektoren (Versorger, Energietitel) bzw. in reifen, weniger stark wachsenden Industrien (Telekoms) unterwegs. Diese Produkte neigen dazu, in stark haussierenden Märkten den gängigen Benchmarks hinterherzuhinken. Das sollten Sie wissen, bevor Sie sich für einen derartigen Fonds oder ETF entscheiden (Stichwort: der Total Return zählt).
  8. Laufzeitfonds, die regelmäßige Ausschüttungen bieten, die vergleichbar sind mit Kupons, sind oft keine gute Lösung. Sie weisen häufig unangemessen hohe Gebühren auf, und der Investment-Horizont ist gemessen am Anlageuniversum oft zu begrenzt. Handelt es sich nicht um Wertsicherungskonzepte, laufen Anleger Gefahr, zum Laufzeitende nicht die eingesetzten 100 zurückzubekommen wie es bei Anleihe-Investments der Fall ist.
  9. Kaufen Sie nur das, was Sie beurteilen können! Die Dividenden-Hype treibt interessante Marketing-Stilblüten. Kennen Sie Multi-Asset-Income-Funds? Das sind Mischfonds, die hohe laufende Erträge erzielen sollen. Viele dieser Produkte sind allerdings nicht nur sehr jung, sondern setzen häufig Derivate ein. Oft liegen diesen Fonds auch Annahmen über das Korrelationsverhalten von Asset-Klassen und Faktoren zugrunde. Das macht sie für die meisten Anleger schwer durchschaubar. Eine Historie über einen Börsenzyklus sollte ein Fonds vorzeigen können. Da dies nur bei den wenigsten der Fall ist, sollten Sie sich lieber in Zurückhaltung üben.
  10. Sie sollten die steuerliche Seite nicht außer Acht lassen: Die Abgeltungssteuer unterscheidet nicht zwischen Dividendenerträgen und Kursgewinnen. Es ist in den allermeisten Fällen unerheblich, ob Sie einen Fondsanteil verkaufen oder eine Fonds-Ausschüttung vereinnahmen. Das hilft Ihnen, die Ausgangsfrage nüchtern zu beantworten: „Brauche ich wirklich einen Dividendenfonds?“
Über den Autor Ali Masarwah

Ali Masarwah  Ali Masarwah ist als Chefredakteur für die deutschsprachigen Seiten von Morningstar verantwortlich.